The Rise of the Health Professional Interface

Die Rolle der Gesundheitsfachpersonen, insbesondere die der Ärzteschaft, hat sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert. Ich beziehe mich hier nicht auf den medizinischen und technischen Fortschritt, der in der Behandlung von Kranken Einzug gehalten hat, sondern auf das Verhältnis zwischen Fachperson und Laie, z.B. zwischen Arzt und Patient. Gegenwärtig werden wir jedoch Zeuge von zwei Entwicklungen, die diesen Status quo radikal verändern.

Demokratisierung des medizinischen Wissens
Durch das Internet stehen medizinische Informationen für Alle, d.h. auch für den medizinischen Laien zur Verfügung. Diese können durch die starke Verbreitung von mobilen Devices, d.h. insbesondere durch Smart Phones, sofort und überall abgerufen werden. Eine Studie von research2guidance vom August 2014 mit 1’600 Teilnehmenden ergab, dass es zu diesem Zeitpunkt mehr als 100’000 mHealth-Apps im Apple App Store und bei Google Play unter den Kategorien Gesundheit, Fitness und Medizin gab. Davon waren beinahe ein Viertel (23.7%) Medizinische Referenz-Apps, gefolgt von Fitness-Apps mit 20.2% sowie Apps zum Management von Erkrankungen mit 12.9 %. Die Anwendungen sind meist einfach zu benutzen und am Konsumenten orientiert. Die starke Verbreitung handelsüblicher Mobiler Geräte führt zu einer ständigen Erreichbarkeit von Patienten aller Schichten und Altersklassen und verändert die Interaktion zwischen Patient und Gesundheitsfachperson. Diese Geräte und die damit einhergehenden Kommunikationswege wie Messenger Dienste werden im Alltag genutzt und wecken sowohl bei den Patienten, wie auch bei Ärzten Begehrlichkeiten, diese in der Kommunikation im Rahmen der Behandlung einzusetzen. Eine Skalierung von medizinischen Services sowie eine engmaschige Betreuung von Patienten ist möglich. Der Datenfluss erfolgt dabei direkt vom Patienten zur Gesundheitsfachperson und zurück.

Dieser Datenfluss führt zu einer kontinuierlichen Zunahme der Daten durch Mobile Devices. Hinzu kommt die Tatsache, dass ein erwachsener US-Bürger sein Mobiltelefon 2.8 Stunden pro Tag nutzt. Dies führt nach Angaben von Cisco dazu, dass täglich über das mobile Internet 1.3 Milliarden Gigabyte an Daten transportiert werden. Ein Teil davon sind gesundheitsbezogene Daten, die von Wearables wie Fitness-Tracker stammen. Generell kann festgestellt werden, dass im Zuge der Digitalisierung des Gesundheitswesens um einen Fall herum immer mehr elektronische Daten generiert werden. Insbesondere Bilddaten, wie MRI, tragen zu dem erwarteten 50-fachen Wachstum der weltweiten Datenmenge von 2010 – 2020 bei, mit 5’200 GB pro Person im Jahr 2020.

Datenflut und Intelligente Systeme
Gemessen an Forschungsergebnissen, welche Behandlungsguidelines verändern, verdoppelt sich das medizinische Wissen inzwischen alle 5 Jahre. Es wird somit für einen Arzt immer schwieriger sein Wissen aktuell zu halten und seine Entscheidungen auf der Grundlage der aktuellen Forschung zu treffen. Eine gewisse Abhilfe schafft der Einsatz von Wissensdatenbanken. Sie erlauben es zur Wahl der besten Therapie aktuelle Literatur heranzuziehen. Spezialisierte Anbieter arbeiten die wissenschaftliche Literatur auf und kondensieren diese.
Intelligente Systeme gehen einen Schritt weiter und schlagen bereits Entscheidungen vor. Genauso wie ein Navigationssystem im Auto aufgrund von Rahmenbedingungen wie Strassen und situationsspezifischen Informationen, wie Verkehrslage, die schnellste Route berechnet, können im Gesundheitswesen individualisierte Therapien empfohlen werden.

Ein Bereich, wo diese Systeme bereits heute Einzug halten, sind Systeme zur sicheren Verordnung von Medikamenten. Dies liegt zum einen daran, dass die notwendigen Daten in hoch strukturierter Form vorliegen und zum anderen daran, dass ein Bedarf bei den Anwendern besteht. Kein Mensch kann alle Interaktionen und Kontraindikationen der im Markt verfügbaren Medikamente kennen. Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) kann gesteigert werden, wenn eine Computerized Physician Order Entry (CPOE) mit kontextsensitivem Zugriff auf Arzneimittelinformationen verbunden ist.

The Rise of the Health Professional Interface
Die Möglichkeit medizinisches Wissen unter der Nutzung mobiler Geräte überall verfügbar zu haben, in Verbingung mit intelligenten Systemen, führt zu einem Zustand der sog. „Intelligence Everywhere“. Damit stehen behandlungsrelevante und kontextsensitive Informationen sowie Expertenwissen am Point-of-Care zur Verfügung. Dies hat den Nebeneffekt, dass am Anfang einer Behandlungskette nicht immer ein Arzt stehen muss. Darüber hinaus sind diese auch nicht mehr an einen Ort gebunden.

Die Nachbetreuung von Patienten wird zunehmend über handelsübliche mobile Geräte abgewickelt, wobei die jeweiligen Anwendungen einem Zertifizierungsprozess unterliegen werden. Die Nichtnutzung dieser Expertensysteme wird in Zukunft für Gesundheitsfachpersonen haftungsrelevant, da Expertensysteme helfen Behandlungsfehler zu vermeiden.
Die Gesundheitsfachperson wird durch diese Entwicklungen zum sozialen Interface für Patienten, d.h. Systeme bereiten Entscheidung und Therapieoptionen vor, die vom Menschen kommuniziert werden. Die zukünftige Rolle des Arztes wird die eines menschlichen Interfaces für den Patienten und seine Angehörigen sein. Er nutzt intelligente System weil diese weniger Fehler machen, nicht müde werden und ihre Informationsverarbeitungskapazität nicht limitiert ist. Im Gegensatz dazu haben Mensch jedoch bessere soziale Kompetenzen hat als Maschinen.

Somit verändert sich die Rolle des Arztes weg vom allwissenden Experten hin zum Berater und Interpreten von medizinischen Sachverhalten. Für viele Ärzte mag dies bedrohlich erscheinen, da es ihre Machtstellung in Frage stellt. Ich wage jedoch zu behaupten, es ermöglich den Ärzten sich wieder hin zum Kern ihrer ärztlichen Tätigkeit zu bewegen nämlich dem Finden einer angemessenen Behandlung gemeinsam mit betroffenen Patienten.

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