eMedikation: Traum oder Alptraum?

Nachlese: Die 9. Schweizer Tagung eMedikation fand am 7. Juni 2016 im Universitätsspital Zürich statt. Der Besucherrekord mit 160 Teilnehmenden unterstreicht die Aktualität des Themas für Spitäler und die Akteure einer integrierten Versorgung. Das interdisziplinäre Publikum erhielt neben einem Überblick zur elektronischen Entscheidungsunterstützung im Medikationsprozess auch Anleitungen zur praktischen Umsetzung im Rahmen des elektronischen Patientendossiers.

Zu Beginn wurden von Prof. Dr. med. Stefan Russmann die Möglichkeit der Analyse elektronischer Verschreibungsdaten zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit im Spital dargestellt – ein Plädoyer für die aktive Nutzung dieser Daten zur Steuerung des Therapie-Outcomes für jeden einzelnen Patienten! Im Anschluss präsentierte der Ärztliche Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie des Universitätsklinikums Heidelberg Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli seine langjährige Erfahrung mit der elektronischen Entscheidungsunterstützung im Medikationsprozess. Aus seiner Sicht sollten Systeme klinische Informationen aufbereiten und keine Alert Fatigue durch einen Spezifitätsmangel der Warnhinweise erzeugen. Es zeigte sich auch, dass es wenige Patienten mit tatsächlichem Risiko gibt, diese aber umso schwieriger zu entdecken sind, was nur mit sehr viel Erfahrung oder mit digitaler Unterstützung funktioniert.

Dr. Roger Sailer und Patrick Bissig von der ZHAW berichteten erste Ergebnisse einer Befragung zum Thema eRezept auf dem Smartphone und konnten zeigen, dass solche innovativen eHealth-Anwendungen ein Bedürfnis bei Patienten sind. Umso mehr erstaunt, dass noch keine entsprechende Anwendung existiert, obwohl dies technisch schon lange möglich wäre. Die Partikularinteressen der beteiligten Stakeholder scheinen einer Lösung wohl entgegen zu stehen. In einer weiteren Reflektion wurde ein möglicher Beitrag von Krankenversicherungen zur Arzneimitteltherapiesicherheit genannt. Dieser besteht im Einsatz von Big Data Methoden bzw. von Predictive Analytics zur Vorhersage von unerwünschte Arzneimittelwirkungen aufgrund der Sekundärdaten.

Hinsichtlich eMedikation und elektronischem Patientendossier präsentierte die Schweizerische Post ihre Lösung aus dem Kanton Waadt im praktischen Einsatz. Eine Anwendung im Rahmen der Zürich Affinity Domain wurde von der Swisscom Health AG und dem Universitätsspital Zürich gezeigt. Dazu passend gab es ein Update der „Interprofessionellen Arbeitsgruppe“ (IPAG) zu den Austauschformaten eMedikation durch Daniel Notter, dem eHealth Verantwortlichen des Schweizerischer Apothekerverbandes. Für die meisten Einrichtungen sind die eMedikations-Anwendungen im Rahmen des EPD noch nicht Bestandteil ihres Alltages. In Einrichtungen der Alterspflege sind andere Probleme dominant. Die Wiegand AG zeigte anhand eines Anwendungsfalls wie Medikationsprozesse in Alterszentren mithilfe von elektronisch unterstütztem Rüsten und Abgeben optimiert werden können. Denn die Medikation bei multimorbiden älteren Patienten ist ohne ICT-Unterstützung nicht mehr handhabbar.

Dr. Priska Vonbach, die Leiterin des Pharmazeutischen Dienstes am Universitäts-Kinderspital Zürich teilte ihre Gedanken wo die Aufgaben eines Spitalapothekers in Zukunft liegen werden. Neben den Aufgaben als Spezialist rund um den gesamten Medikationsprozess und der Unterstützung von Ärzteschaft und Pflege wird vom Spitalapotheker zukünftig immer mehr Knowhow über die Möglichkeiten der IT und die Erfüllung der regulatorischen Anforderungen gefordert.

In seinem Inputreferat zur Podiumsdiskussion „Digitale Prozesse mit Bedside-Scanning!“ zeigte Dr. Torsten Hoppe-Tichy, Apothekenleiter des Universitätsklinikum Heidelberg, dass Bedside-Scanning der Patientensicherheit dient. Die zentralen Frage lautet: Bekommt der richtige Patient das richtige Arzneimittel zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Dosierung und in der richtigen Applikationsform? Dazu brauchen es Patienteninformation und Arzneimittelinformation über die jeweiligen Barcodes auf der Basis der einzelnen Applikationseinheit (Unit-dose). Ergänzt wurde das Podium durch Dr. Rebecca Buob (B. Braun Medical AG), PD Dr. med. Balthasar Hug (Universitätsspital Basel) und dem Moderator Christian Hay (GS1).
In der abschliessenden Diskussionsrunde widmeten sich Dr. Eberhard Scheuer, Dr. med. Christian Peier (aiconnect GmbH), Dr. sc.nat Thomas E. Strasky (Schwanen Apotheke, Baden) sowie Felix Schneuwly (comparis.ch) der eher rhetorischen Frage, ob bei Arzneimitteln mangelnde Kommunikation und unterschiedliche Interessen die Sicherheit von Patienten gefährden.

Neben dem Vorträgen gab es weitere Angebote im Rahmen der eMedikationstagung in Zürich. Die Clinical Documentation Challenge erfreute sich wieder einer grossen Beliebtheit. Den vorgegebenen Aufgaben aus dem klinischen Alltag stellten sich ID GmbH & Co. KGaA, CompuGroup Medical AG, Polypoint – Erne Consulting AG und die ines GmbH.

Abschliessend zurück zur einleitenden Frage „eMedikation: Traum oder Alptraum?“. Es wünschte sich Dr. med. Daniel Voellmy, dass Medikamentenverordnung in Zukunft nicht komplizierter ist als Online-Shopping. In verschiedenen leitenden Funktionen grosser Universitätsspitäler wäre sein Traum hinsichtlich eMedikation gewesen: automatische Leistungsableitung aus dem Verordnungsprozess, eine enge Integration von Laborbefunden, sowie patienten- und anwenderspezifische Warnungen.

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