Bericht 8. Tagung eMedikation Biel

Die 8. Schweizer Tagung eMedikation fand am 20. Mai 2015 im Kompetenzzentrum Medizininformatik der Berner Fachhochschule in Biel statt. Alljährlich trifft sich im Rahmen dieser Tagung ein interdisziplinäres Publikum zum Austausch über die neuesten Trends und Lösungsmöglichkeiten konkreter Probleme zur Medikamentenabgabe. Neben einer aktiven Rolle des Patienten, Closed-Loop Medication Management waren auch Entwicklungen am Vorabend des elektronischen Patientendossiers zentrale Themen.

Nach der Begrüssung durch den Organisator Dr. Eberhard Scheuer und einer Vorstellung des Studiengangs Medizininformatik durch den Leiter Prof. Dr. Jürgen Holm präsentierte Prof. Dr. med. Thomas Bürkle seine Forschungsergebnisse zu den Einsatzmöglichkeiten von Informationstechnologien zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Der Medizininformatiker und Arzt zeigte, dass eine Computerized Physician Order Entry (CPOE) mit kontextsensitivem Zugriff auf Arzneimittelinformationen verbunden sein sollte. Heute ist AMTS trotz der vielfältigen Anstrengungen von Lösungsanbietern und ihren Kunden noch längst nicht Plug-and-Play. Bürkle ist trotzdem überzeugt, dass AMTS-Prüfungen werden früher oder später vorgeschrieben werden, da sie helfen Medikationsfehler zu vermeiden. Diese Systeme sind jedoch aufwendig in der Pflege, weshalb sie in Zukunft vorwiegend von Spezialanbietern kommen und nicht von KIS-Herstellern selbst gepflegt werden. Unabhängig davon ist eine Anpassung der Systeme an die lokale Umgebung bei der Umsetzung eines patientenindividuell optimierten Therapieplans unausweichlich.

In einem Erfahrungsbericht zur Einführung einer eMedikationslösung im Pfalzklinikum mit 12 Standorten und über 1’000 Betten schilderte Thomas Schmalzbauer, Leiter des Referats Datenverarbeitung und Prozessorganisation, sehr plastisch, welche Massnahmen zur Einführung notwendig sind. Er betonte jedoch ausdrücklich, dass durch die Einführung der eMedikationslösung von ID und der einhergehenden Standardisierung der Prozesse, die AMTS verbessert wurde. Nachdem alle gesteckten Ziele erreicht wurden, wird nun an der Abbildung und Steuerung des Off-Label-Use von Medikamenten gearbeitet.
Wie ein moderner Medikationsprozess im Pflegeheim aussehen sollte stellte Dr. pharm. Enea Martinelli, Chefapotheker der Spitäler fmi dar. Heute ist in Pflegeheimen i.d.R. die Übertragung der Verordnung von Papier in PC risikoreich und die Verantwortlichkeiten sind unklar. Wobei es zwei Möglichkeiten gibt dieses Problem zu lösen: entweder durch die direkte Erfassung der Verordnung oder durch die Freigabe der erfassten Verordnung durch einen Apotheker.

Einen Einblick in die Entwicklung von Mobile Apps und deren Einbettung in das Ökosystem von eRezept und eMedikation gab Patrick Erni von Absolute Development AG, der im Rahmen eines Certificate of Advanced Studies die App RePill entwickelt hat. Aus seiner Sicht gibt es für mHealth verschiedene Erfolgsfaktoren, u.a. Interoperabilität, Zertifizierung zur Steigerung des Vertrauens in mHealth-Lösungen sowie rechtliche Rahmenbedingungen für deren Einsatz.

Dr. med. Andreas Bührer, Projektleiter des Amtes für Gesundheit im Kanton Thurgau, stellte das Projekt eMediplan vor, dessen Kern der standardisierte Datensatz der aktuellen Medikation eines Patienten bildet. Dieser steht nicht nur als elektronischer Datensatz zur Verfügung sondern auch als Papierversion mit 2D-Barcode. So können Patienten und Angehörige eMediplan als Papierversion nutzen. Mit dem 2D-Barcode können die Medikationsinformationen einfach ins Informationssystem der Gesundheitsfachpersonen übernommen werden. Die Gemeinsamkeiten mit dem Medikationsplan in Deutschland, der von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfohlen wird, sind unübersehbar. Dessen geistiger Vater Dr. Gunther Hellmann nahm ebenfalls an der Tagung teil. In einem Workshop von Dr. Matthias Sonnenschein und Dr. Jean-Pierre Messerli wurde die elektronische Umsetzung des eMediplans durch die HCI Solutions AG demonstriert.

Weiterhin thematisiert wurde die Zunahme der Polypharmazie und in diesem Zusammenhang die Nutzbarmachung des elektronischen Monitorings der Adhärenz von Dr. phil. Isabelle Arnet von der Pharmaceutical Care Research Group der Universität Basel.

Thomas Bähler von der Swisscom Health AG und Emmanuel Lorini von der Zur Rose Suisse AG stellten im Rahmen der Vorstellung des Projektes Evita Patientenfeedback die Frage „Ist alles in Ordnung mit Ihren Medikamenten?“. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass der Arzt hat im Medikationsprozess die grössten Informationslücken hat und nur der Patient wissen kann, welche Medikamente verordnet, abgegeben und eingenommen wurden. Nur der Patient kann also die Eingangsfrage beantworten, indem er die Medikamente in seinem Evita-Dossier erfasst und prüfen lässt.

Silvio Frey stellte die eMedikationslösung auf der Basis von vivates, dem elektronischen Patientendossier der Post CH AG, vor. Eine eMedikationslösung als Werkzeug der integrierten Versorgung, macht aus seiner Sicht nur Sinn, wenn diese auf Basis einer IHE-Affinity-Domain mit einem ePD nach EPDG umgesetzt wird. Denn nur so sei die Verfügbarkeit der Medikationsdaten für alle Beteiligten in der Behandlungskette gegeben.

Dr. Michael Baehr, Chefapotheker des Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf zeigte durch die 7-jährige Erfahrung im UKE wie Closed-Loop Medication Management auch in einem vollständig papierlosen Universitätsklinikum mit komplexen Abläufen funktioniert. Hierzu ist aus seiner Sicht der Pharmazeut für die AMTS essentiell, da er für die finale Zuordnung von Arzneimittel zu Patient verantwortlich ist. Insbesondere bei der Unit-Dose Versorgung erfolgt die Zuordnung von Medikament und Patient bereits im Produktionsprozess. Gemäss seinen Erfahrungen schätzen Ärzte den schnellen Zugriff auf die Medikation und die Hinweise der Software zur Entscheidungsfindung. Pflegende wiederum schätzen die Arbeitsentlastung beim Richten sowie die Abgabe eines fehleranfälligen Prozesses an die Apotheke. Patienten empfinden verblisterte Medikamente als „persönliche Zuwendung“ und halten die Unit-dose Versorgung für sicherer.

Dr. Christian Köpe, Head Business Development und Strategy der Galenica AG berichtete zum Abschluss von den Herausforderungen und Lösungsansätzen bei der gemeinsamen Umsetzung von eRezept und eMedikation durch Ärzte und Apotheker im Kanton Aargau. Trotz des offensichtlichen Nutzens für alle Beteiligten, wie der Erhöhung der Medikationssicherheit, Verminderung der Interpretationsfehler auf Rezepten und Rückfragen, war der Aufwand für die beteiligten und Apotheker nicht zu unterschätzen. Positiv ist aus seiner Sicht, dass sich Ärzte und Apotheker gemeinsam für eHealth engagieren mit dem langfristigen Ziel eines elektronischen Medikationsdossiers.

Neben dem Vorträgen gab es weitere Angebote im Rahmen der eMedikationstagung in Biel. Die Clinical Documentation Challenge wurde wie immer moderiert von Martin Lysser, dem KIS Manager der Universitätsklinik Balgrist. Den vorgegebenen Aufgaben aus dem klinischen Alltag stellten sich Dr. Juliane Eidenschink, ID GmbH & Co. KGaA und Claes Lennman von der CompuGroup Medical AG. Beide zeigten mit ihren Live-Demonstrationen, dass ihre Systeme den hohen Anforderungen des klinischen Alltages gerecht werden und den Nutzer sinnvoll unterstützen.

Der Workshop in französischer Sprache wurde moderiert von Serge Bignens, Professor für Medizininformatik, Berner Fachhochschule Biel. Dabei stellte Stéphane Spahni, Dr. Sc., Architecte informatique, Hôpitaux Universitaires de Genève das IHE-Pharmacy Profil und dessen Implementierung vor. Christian Hay von GS1 (Europe) zeigte neusten Entwicklungen bei der Identifikation der Medikamente bis zur einzelnen Abgabeeinheit vor. Dr. Stéphane Duprés, Project Manager Software, Wiegand AG zeigte die Implementierung eines Closed-Loop Medication Management am Inselspital Bern

Grosses Interesse fanden auch die Führungen durch die Labore der FH Bern unter der Leitung des Schirmherrn der Veranstaltung Prof. Jürgen Holm.

Nach einer erfolgreichen Durchführung steht der 9. Tagung eMedikation im Jahr 2016 nichts im Weg, da das Thema nach wie vor aktuell ist.

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